Mastzellen und die Cell Danger Response: Wenn das Immunsystem im Daueralarm bleibt
Warum Mastzellaktivierung, chronische Entzündung und die zelluläre Gefahrenreaktion zusammenhängen können – und was das für Menschen mit ME/CFS, Long COVID, MCAS und MCS bedeutet.
Viele Menschen mit ME/CFS oder Long COVID kennen Beschwerden, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben: Herzrasen, Schwindel, Hautreaktionen, Verdauungsprobleme, Schmerzen, Schlafstörungen oder eine starke Empfindlichkeit gegenüber Gerüchen, Nahrungsmitteln und anderen Umweltreizen.
Bei manchen Betroffenen spielt dabei eine verstärkte Aktivierung der Mastzellen eine Rolle.
Doch warum reagieren diese Immunzellen manchmal so empfindlich? Und weshalb kann eine ursprünglich sinnvolle Schutzreaktion des Körpers bestehen bleiben, obwohl die unmittelbare Gefahr längst vorbei ist?
Eine mögliche Erklärung liefert das Modell der Cell Danger Response (CDR), das von Professor Robert K. Naviaux entwickelt wurde.
Was sind Mastzellen und welche Aufgabe haben sie?
Mastzellen gehören zu unserem angeborenen Immunsystem. Sie befinden sich besonders häufig dort, wo unser Körper Kontakt zur Außenwelt hat: in der Haut, den Atemwegen, im Darm und an Schleimhäuten. Auch in der Nähe von Blutgefäßen und Nerven spielen sie eine wichtige Rolle.
Ihre Aufgabe ist es, mögliche Gefahren frühzeitig zu erkennen und eine passende Abwehrreaktion einzuleiten.
Werden Mastzellen aktiviert, können sie verschiedene Botenstoffe freisetzen, darunter:
Histamin
Leukotriene und Prostaglandine
Entzündungsfördernde Zytokine
Weitere Signalstoffe, die mit Immunzellen und Nerven kommunizieren
Diese Stoffe helfen dem Körper normalerweise dabei, auf Infektionen, Verletzungen oder andere Bedrohungen zu reagieren.
Problematisch kann es werden, wenn Mastzellen übermäßig oder wiederholt aktiviert werden.
Dann können Beschwerden in ganz unterschiedlichen Organsystemen entstehen.
Was hat das mit der Cell Danger Response zu tun?
Die Cell Danger Response beschreibt ein biologisches Schutzprogramm unserer Zellen.
Wenn eine Zelle eine Gefahr wahrnimmt, verändert sie ihren Stoffwechsel, ihre Kommunikation mit anderen Zellen und ihre Prioritäten.
Nicht mehr Wachstum, Reparatur und normale Funktion stehen im Vordergrund, sondern zunächst Schutz und Überleben.
Eine zentrale Rolle spielen dabei die Mitochondrien. Sie sind nicht nur an der Energieproduktion beteiligt, sondern auch an der Wahrnehmung und Weiterleitung zellulärer Stresssignale. Solche Gefahren können beispielsweise durch Infektionen, Schadstoffe, Gewebeschäden oder andere Belastungen ausgelöst werden.
Die CDR ist zunächst eine sinnvolle und notwendige Reaktion. Sie hilft dem Organismus, auf eine Bedrohung zu reagieren.Nach dem Ende der Gefahr sollte diese Schutzreaktion wieder abklingen und die Zelle zu ihren normalen Aufgaben zurückkehren.
Das CDR-Modell beschäftigt sich insbesondere mit der Frage, was geschieht, wenn diese Rückkehr nicht vollständig gelingt.
ATP: Mehr als nur Energie für unsere Zellen
ATP kennen viele Menschen als den wichtigsten Energieträger unserer Zellen.
Doch ATP hat noch eine zweite, weniger bekannte Aufgabe: Außerhalb der Zelle kann es als Gefahrensignal wirken. Wenn Zellen geschädigt oder stark belastet werden, können sie ATP in ihre Umgebung freisetzen.Dieses extrazelluläre ATP (eATP) signalisiert benachbarten Zellen und dem Immunsystem, dass etwas nicht stimmt.
Auch Mastzellen besitzen sogenannte purinerge Rezeptoren, über die sie solche Signale wahrnehmen können. Bestimmte ATP-Signale können dadurch zur Aktivierung von Mastzellen und zur Freisetzung von Entzündungsmediatoren beitragen.
Das ist ein wichtiger Verbindungspunkt zwischen der Cell Danger Response und der Mastzellaktivierung.
Wie ein sich selbst verstärkender Kreislauf entstehen kann
Hier wird der Zusammenhang besonders interessant.
Zellen, die sich in einer Gefahrenreaktion befinden, können ATP und andere Alarmsignale freisetzen. Diese Signale können Mastzellen aktivieren.
Aktivierte Mastzellen setzen wiederum Entzündungsbotenstoffe frei, die auf das umliegende Gewebe, andere Immunzellen und das Nervensystem wirken.
Mastzellen können unter bestimmten Bedingungen auch selbst ATP freisetzen und damit die Signalübertragung weiter beeinflussen.
So kann ein biologischer Rückkopplungskreislauf entstehen:
Zelluläre Gefahrensignale → Mastzellaktivierung → Freisetzung von Entzündungsmediatoren → weitere Stress- und Gefahrensignale.

Aus einer ursprünglich hilfreichen Schutzreaktion könnte auf diese Weise ein länger anhaltender Alarmzustand werden.
Warum betrifft das auch das Nervensystem?
Mastzellen und Nervenzellen stehen in engem Austausch miteinander.
Mastzellen befinden sich häufig in unmittelbarer Nähe von Nervenfasern. Ihre Botenstoffe können die Aktivität und Empfindlichkeit dieser Nerven beeinflussen.
Umgekehrt können auch Signale aus dem Nervensystem auf Mastzellen wirken.
Diese Wechselwirkungen sind Teil der sogenannten Neuroimmunologie – der Wissenschaft von der Kommunikation zwischen Nerven- und Immunsystem.
Wenn diese Kommunikation dauerhaft verändert ist, können unterschiedliche Beschwerden auftreten oder verstärkt werden:
Erhöhte Schmerzempfindlichkeit
Überempfindlichkeit gegenüber bestimmten Reizen
Vegetative Beschwerden wie Herzrasen oder Kreislaufprobleme
Verdauungsbeschwerden
Veränderungen der Schlaf- und Stressregulation
Auch entzündliche Signalwege im Nervensystem können dabei eine Rolle spielen.
Das zeigt, warum sich chronische Erkrankungen häufig nicht auf ein einzelnes Organ reduzieren lassen.
Immunsystem, Nervensystem und Zellstoffwechsel arbeiten nicht unabhängig voneinander. Sie stehen in ständigem Austausch.
MCAS und MCS: Warum reagiert der Körper auf immer mehr Reize?
Beim Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS) kommt es zu wiederkehrenden Beschwerden durch die Freisetzung von Mastzellmediatoren.
Bei der Multiplen Chemikaliensensitivität (MCS) berichten Betroffene über ausgeprägte Beschwerden bei Kontakt mit bestimmten Gerüchen oder chemischen Stoffen, häufig schon bei sehr niedrigen Konzentrationen.
MCAS und MCS sind nicht dasselbe. Auch sind ihre Mechanismen nicht vollständig geklärt.
Aus Sicht des CDR-Modells lässt sich jedoch eine interessante Frage stellen:
Was passiert, wenn Zellen und die beteiligten Regulationssysteme über längere Zeit in einem Zustand erhöhter Gefahrenbereitschaft bleiben?
Dann könnten Signale, die normalerweise gut verarbeitet werden, stärkere biologische Reaktionen auslösen.
Die Aktivierung von Immunzellen, eine veränderte Reizverarbeitung im Nervensystem und zelluläre Stresssignale könnten sich gegenseitig beeinflussen.
Das bedeutet nicht, dass die Beschwerden eingebildet sind.
Was bedeutet das für Menschen mit ME/CFS und Long COVID?
Bei ME/CFS und Long COVID werden Veränderungen in verschiedenen biologischen Systemen untersucht, unter anderem im Immunsystem, im autonomen Nervensystem und im Energiestoffwechsel.
Auch mastzellbezogene Mechanismen werden diskutiert.
Das CDR-Modell bietet einen übergeordneten Denkansatz, um diese unterschiedlichen Beobachtungen miteinander in Verbindung zu bringen.
Anstatt jedes Symptom ausschließlich einzeln zu betrachten, stellt es eine grundlegendere Frage:
Warum bleibt der Organismus möglicherweise in einer Schutzreaktion, obwohl diese langfristig selbst zur Belastung wird?
Das bedeutet nicht, dass alle Beschwerden durch Mastzellen verursacht werden.
Es eröffnet aber eine interessante Perspektive auf die Wechselwirkungen zwischen Stoffwechsel, Immunaktivität und Nervensystem.
Warum Sicherheit und Regulation für uns wichtige Themen sind
In unserer Arbeit bei Safety Retreat® beschäftigen wir uns intensiv mit der Frage, wie sich chronische Schutz- und Stressreaktionen im Organismus besser verstehen lassen.
Dabei betrachten wir nicht nur einzelne Symptome, sondern auch die Kommunikation zwischen Zellen, Immunsystem und Nervensystem.
Ein wichtiger Bestandteil ist die Regulation des autonomen Nervensystems.
Denn das Nervensystem beeinflusst unter anderem Entzündungsprozesse, die Wahrnehmung körperlicher Signale und die Reaktion auf Belastungen.
Dabei geht es nicht darum, Betroffenen zu sagen, sie müssten sich einfach entspannen. denken.
Vielmehr geht es darum, die biologischen Zusammenhänge zu verstehen und Möglichkeiten zu entdecken, wie der Organismus im Rahmen seiner individuellen Belastbarkeit unterstützt werden kann.
Gerade bei ME/CFS bleibt ein angepasstes neurosensibles Pacing (im Safety Retreat Programm Safety Balance genannt) wichtig, um eine postexertionelle Malaise (PEM) zu vermeiden.
Unser Fazit: Chronische Symptome neu verstehen
Mastzellen sind wichtige Wächter unseres Immunsystems. Die Cell Danger Response ist ein grundlegendes Modell für die zelluläre Reaktion auf Gefahren.
Beide Systeme haben eine gemeinsame Aufgabe: unseren Körper zu schützen.
Genau diese Perspektive ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit bei Safety Retreat®.
Denn chronische Symptome neu zu verstehen, kann ein erster Schritt sein, um neue Möglichkeiten im Umgang mit der Erkrankung zu entdecken.
Über die Autorin
Dr. med. Jacqueline Metzner ist Ärztin für Integrative Medizin mit den Zusatzbezeichnungen Akupunktur und Naturheilverfahren. Nach einer eigenen schweren ME/CFS-Erkrankung infolge von COVID-19 hat sie sich intensiv mit der Cell Danger Response, Neuroimmunologie und Neuroregulation beschäftigt. Sie ist Gründerin und medizinische Leiterin von Safety Retreat®, einem ärztlich entwickelten Online-Selbsthilfeprogramm für Menschen mit ME/CFS, Long COVID und chronischen Symptomen.
Wissenschaftlicher Hintergrund: Das Konzept der Cell Danger Response geht auf die Arbeiten von Prof. Robert K. Naviaux zurück. Die Wechselwirkungen zwischen ATP-Signalübertragung, Mastzellen und Immunreaktionen sind Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Das CDR-Modell ist ein Forschungs- und Erklärungsmodell, keine eigenständige Diagnose oder Behandlungsmethode.
Dieser Beitrag dient der medizinischen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Diagnostik oder Behandlung.
© 2026 Safety Retreat® – Dr. med. Jacqueline Metzner



