Wenn das Gehirn Entzündung mitreguliert
- Rolf Metzner
- vor 2 Tagen
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Lange wurde das Immunsystem vor allem als eigenständiges Abwehrsystem betrachtet. Doch immer deutlicher zeigt sich: Immunreaktionen, Nervensystem und Gehirn kommunizieren eng miteinander.
Eine 2024 in Nature veröffentlichte Studie von Hao Jin und seinem Team liefert dafür faszinierende experimentelle Einblicke.
Der Vagusnerv übermittelt Informationen über Entzündung
Die Forschenden konnten im Mausmodell zeigen, dass bestimmte entzündungsfördernde und entzündungshemmende Botenstoffe von unterschiedlichen Gruppen vagaler Nervenzellen erfasst werden. Diese Informationen werden über den Vagusnerv an bestimmte Nervenzellen im Hirnstamm weitergeleitet. Das Gehirn bekommt damit gewissermaßen Rückmeldung darüber, was im Immunsystem gerade geschieht.
Doch die Kommunikation läuft nicht nur vom Körper zum Gehirn.

Das Gehirn beeinflusst wiederum die Immunreaktion
Besonders interessant wurde es, als die Forschenden diesen Regelkreis gezielt veränderten.
Wurden bestimmte Nervenzellen im Hirnstamm ausgeschaltet, geriet die Entzündungsreaktion deutlich stärker aus dem Gleichgewicht.
Wurden bestimmte Bestandteile des Regelkreises dagegen experimentell aktiviert, nahmen proinflammatorische Botenstoffe ab und antiinflammatorische Signale zu.
Die Autoren beschreiben die beteiligten Nervenzellen deshalb sinngemäß als eine Art biologischen Regler, der dazu beiträgt, die Immunantwort auszubalancieren.
Es geht also nicht einfach um „mehr oder weniger Entzündung“
Das ist ein wichtiger Punkt. Eine funktionierende Immunantwort muss auf eine Bedrohung reagieren können. Gleichzeitig muss der Organismus verhindern, dass diese Reaktion unkontrolliert weiterläuft. Entscheidend ist deshalb nicht einfach möglichst wenig Entzündung, sondern eine angemessene Regulation.
Was bedeutet das für unser Verständnis chronischer Erkrankungen?
Die Studie zeigt etwas Grundsätzliches:
Nervensystem und Immunsystem sind keine voneinander getrennten Welten.
Der Organismus reguliert Entzündungsreaktionen über ein Netzwerk, an dem Immunbotenstoffe, periphere Nerven und das Gehirn beteiligt sind.
Für uns ist genau diese systemische Perspektive besonders interessant.
Nicht nur die Frage „Was ist im Immunsystem verändert?“ ist relevant, sondern auch:
Wie nimmt der gesamte Organismus diese Signale wahr, wie verarbeitet er sie – und wie reguliert er daraufhin seine Reaktion?
Das verändert den Blick auf Gesundheit und Regulation.
Der Körper besteht nicht aus einzelnen Systemen, die unabhängig voneinander funktionieren. Gehirn, autonomes Nervensystem, Immunsystem, Stoffwechsel und Organe stehen in einem fortlaufenden Austausch miteinander.
Dazu passt auch das Konzept der Cell Danger Response (CDR) nach Prof. Robert Naviaux: Es beschreibt, wie Zellen bei Bedrohung oder Belastung nicht nur einzelne Prozesse verändern, sondern ihren Stoffwechsel, ihre Kommunikation und ihr Verhalten koordiniert anpassen.
Und genau deshalb lohnt es sich, Gesundheit auch als Regulationsprozess des gesamten Organismus zu betrachten.
Quelle: Jin H, Li M, Jeong E, Castro-Martinez F, Zuker CS. A body–brain circuit that regulates body inflammatory responses. Nature. 2024;630:695–702.DOI: 10.1038/s41586-024-07469-y
